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Dr. med. Julius Pindikowski (Marktstr. 33, Adr.-Buch 1898) war vielleicht der Erste, der daran dachte, daß im Kreise Memel ein Leprosorium benötigt würde. Bei seiner Tätigkeit als Arzt in Memel waren ihm und seinen Kollegen Dr. Fürst und Dr. Ungefug (Friedr.-Wilh.-Str. 19/20, Adr.-Buch 1898) seit einer Reihe von Jahren vereinzelte Leprafälle zu Gesicht gekommen. Auch der Memeler Kreisphysikus Dr. med. L. Rosenthal (Fischerstr. 9/10, Adr.-Buch 1866) hatte den Dermatologen und Lepraforscher Eduard Arning (Hamburg) über solche Fälle informiert, welcher wiederum auf dem zweiten dermatologischen Kongress 1892 in Wien darüber berichtete.

Pindikowski brachte 1893 in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift1) seine Sorge zum Ausdruck, die Lepra könne sich, wenn keine entsprechende Maßnahmen getroffen würden, auch über die Grenzen des Kreises Memel hinaus ausbreiten. Er veröffentlichte den Bericht unter dem Titel "Mittheilung über eine in Deutschland bestehende Lepraendemie", nachdem er insgesamt neun Leprakranke ermittelt und untersucht hatte. Und vier an der Lepra bereits verstorbene Patienten benannte er hier ebenso namentlich wie die noch lebenden Kranken. Er machte deutlich, daß ein Lepraheim notwendig sei. "Da wir die einzelnen Kranken nicht heilen können, da andererseits erfahrungsgemäss die rigorose Isolirung als einzig zweckmässige Maasnahme sich bewährt hat, wird sie zur Pflicht der Selbsterhaltung, so inhuman ein solches Vorgehen auch erscheinen mag." Noch schloß er es übrigens aus, daß die Lepra von außen eingeschleppt sein könnte: "Man könnte bei der Nähe Russlands versucht sein, anzunehmen, dass die Erkrankung aus den Ostseeprovinzen zu uns eingeschleppt ist, dem widerspricht aber die Thatsache, dass auch nicht einer der Kranken jemals seinen Wohnort ausserhalb des Kreises gehabt, oder sich auch nur vorübergehend in einer Lepragegend aufgehalten hat, vielmehr ist mit Sicherheit eine autochthone Entstehung an Ort und Stelle anzunehmen."

Dr. Alfred Blaschko (Berlin) bereiste im Frühjahr 1896 den Kreis Memel, um den Umfang wie auch den Ursprung der Memeler Epidemie kennen zu lernen. Nach ausführlichen Untersuchungen vor Ort berichtete er2), daß ihm der Nachweis gelungen sei, "daß die Lepra vor etwa 20-25 Jahren auf dem Wege des Grenzverkehrs von den schon seit längerer Zeit vom Aussatz befallenen Grenzbezirken der anstossenden russischen Gouvernements Kurland und Kowno eingeschleppt worden sei und sich dann allmählich im Kreise verbreitet habe.
Was den zeitlichen Verlauf anbetrifft, so reicht die Epidemie wahrscheinlich bis in die Mitte oder gar in den Anfang der
(18)70er Jahre zurück, doch gelangten die ersten Fälle erst 1884 zu ärztlicher Kenntniss. Blaschko plädierte auch unter anderem für die Errichtung einer "Leprösen-Colonie", was zu jenem Zeitpunkt von der preussischen Regierung bereits in Aussicht genommen war.

Im selben Jahr (1896) wie Blaschko bereiste auch der Geheime Medizinalrath Prof. Dr. Robert Koch (Berlin) im September den Kreis Memel, um im Auftrag des Preussischen Kultusministers Robert Bosse die Ausdehnung der Lepra festzustellen und geeignete Mittel zur Abwehr dieser Krankheit anzugeben. Der daraus resultierende Bericht3) gleicht in weiten Zügen dem von Blaschko. Auch die Anregung, ein Lepraheim zu errichten, wiederholte Koch und präzisierte dabei Pläne, nach denen ein Leprosorium auf der Nordspitze der Kurischen Nehrung in der Nähe der dortigen Quarantänestation entstehen sollte.

Dr. Peter Urbanowicz in Memel (Töpferstr. 6, Adr.-Buch 1898) war in jenen Jahren Königlicher Kreisphysikus. Er begleitete Robert Koch bei dessen Forschungen durch den Kreis Memel. In den folgenden Jahren betreute er die Erkrankten sowie deren Familien und Kontaktpersonen, indem er sie zweimal im Jahr zur Untersuchung auf Lepra aufsuchte. Dabei erfuhr er, daß die Lepra im Kreis bereits etwa 20 Jahre früher aufgetreten war als bisher bekannt.
4) Nach Mittheilung glaubwürdiger Personen, denen die Krankheit nach ihren Schilderungen laienmäßig bekannt ist, wurde vor ungefähr 50 Jahren, etwa um das Jahr 1848, von dem Wirth Arnaßus in Aßpurwen eine lepröse Szameitin als Magd in Dienst genommen. Dieselbe soll damals schon mit stark entwickelten Lepraknoten im Gesicht behaftet gewesen sein. Das Leiden verschlimmerte sich von Jahr zu Jahr, nach etwa 4 - 5 Jahren starb die Magd an den Folgen der Leprakrankheit. .


Das Leprakrankenheim ist nach den Angaben des Geh. Med.-Raths Professor Dr. R. Koch und den Ergänzungen des Geh. Ober-Med.-Raths Prof. Dr. M. Kirchner durch den königlichen Kreisbauinspektor Callenberg im Pavillonstil erbaut worden. Der ganze Bau hat genau ein Jahr gedauert. Die Gesamtkosten beliefen sich auf annähernd 85 000 M.

In der Illustrirten Zeitung 5) wurde berichtet: Das Leprakrankenheim wurde am 19. Juli in Gegenwart des Cultusministers Dr. Bosse und des Oberpräsidenten Grafen (Wilhelm) v. Bismarck seiner Bestimmung übergeben. Im Norden der Stadt, inmitten einer Fichten- und Birkenschonung auf einer Fläche von etwa 150 Schritt im Quadrat, erhebt sich innerhalb hoch umzäunter Gartenanlagen das Leprakrankenheim, dessen Hauptgebäude in drei Abtheilungen gegliedert ist: Männerstation, Frauenstation und Verwaltung; letztere steht mit den beiden anderen Abtheilungen in Verbindung. Das Ganze ist ein heller Ziegelbau, dessen mittlerer Theil von einem Uhrthürmchen überragt ist, während die Front des Verwaltungsgebäudes ein im berliner Kunstgewerbemuseum entworfenes und von Otto March in Sgraffito ausgeführtes Gemälde "Christus heilt einen Aussätzigen" geschmückt ist. Im Hintergrund stehen ebenfalls aus Ziegeln aufgeführte Withschaftsgebäude.



Das Lepraheim von Süden gesehen


Das Leprakrankenheim ist für acht Männer und acht Frauen eingerichtet. Beide Stationen weisen gleiche Einrichtung auf. Der "Tagesraum" ist ein großes dreifenstriges Zimmer, in dem sich die Patienten, soweit dies ihr Zustand erlaubt, mit Handarbeiten beschäftigen. Inmitten dieses Raumes sind zwei große und zwei kleine gelbe Tische und mehrere eiserne Stühle aufgestellt; die Dielen sind mit Linoleum bedeckt. Vom Tagesraum leiten vier Thüren unmittelbar in ebenso viele Krankenzimmer, von denen jedes für die Aufnahme von zwei Kranken eingerichtet ist. Stühle, Nachttische und Bettgestelle sind aus Eisen hergestellt, um bessere Desinfection zu ermöglichen. An den Tagesraum stößt außerdem der Waschraum, an diesen das Badezimmer. In sämtlichen Krankenräumen sind die Wände bis zur Höhe von 2 Mtr. mit einem Anstrich von brauner Oel- oder Wachsfarbe versehen. Die eisernen Oefen sorgen durch eine sehr zweckmäßige Vorrichtung gleichzeitig für stete Zufuhr frischer Luft.

Krankenzimmer
Zimmer für den Tagesaufenthalt der Kranken

Ein 2 Mtr. breiter, beheizbarer Corridor, dessen Fußboden mit farbigen Cementquadern ausgelegt ist, führt in das Verwaltungsgebäude mit den beiden Zimmern der Oberin, die sowol über die Krankenpflege als auch über die Verwaltung die Aufsicht führt, und das Arbeitszimmer des Arztes (Dr. Urbanowicz aus Memel), der nicht ständig hier stationirt ist, sondern je nach Bedarf zur Besichtigung der Kranken eintrifft. In diesem Zimmer befinden sich die für die Behandlung der Kranken nothwendigen Apparate, ein Lagerungsgestell für die Untersuchung der Patienten, chirurgische Bestecke zu Amputationen und ein Apparat zur Reincultur der Mikroorganismen. Die schon in Norwegen hinsichtlich der Bekämpfung der Lepra durch die strenge Absonderung der Kranken erzielten beträchtlichen Erfolge lassen auch hier ein verhältnismäßig rasches und vor allem gründliches Endergebniß voraussehen.


Bereits kurz nach der Einweihung, am 22. Juli 1899 wurde das Heim mit Kranken belegt. Der Kreisphysikus Dr. Urbanowicz berichtet im November 1899 6), daß jetzt 11 Kranke in der Anstalt sind und vier bis fünf werden in der nächsten Zeit noch zur Aufnahme kommen.
7)Bis zum Oktober 1944, als infolge der kriegerischen Ereignisse die Kranken des Lepraheims unter schwierigsten Umständen nach Königsberg übergeführt und dort der Obhut des Diakonissen-Krankenhauses der Barmherzigkeit übergeben wurden, hatten insgesamt 85 Leprakranke Aufnahme gefunden. Nur etwa die Hälfte davon waren Kranke aus dem Kreis Memel. Im Jahre 1944 befanden sich noch 11 Patienten im Lepraheim, und zwar 8 Männer und 3 Frauen. Von diesen 11 Kranken sind 1945 zehn in Königsberg verstorben, davon fünf an Ruhr und Typhus. Dr. Kurt Schneider, ehem. Medizinalrat in Memel (Altenbergstr. 11, Adr.-Buch 1942) berichtet weiter: Fast alle zur Behandlung der Lepra empfohlenen Mittel sind im Memeler Lepraheim angewandt worden (u.a. Jodkali, Jodipin, Aspirin, Pyramidon, Salvarsan, Wismut, Vitamin D2, Goldpräparate, Nastin, Tuberkulin, Lebertran, Chaulmoograöl). Eine günstige Wirkung wurde in einigen Fällen durch Chaulmoograöl erzielt, alle übrigen Mittel waren völlig wirkungslos...
Schwierig gestaltete sich die psychische Beeinflussung und Behandlung der Kranken. Man beobachtete lang anhaltende Depressionen, Zustände ständiger Unruhe, Stimmungslabilität, schwere Schlafstörungen, größte Reizbarkeit, Wutanfälle, die sich bis zu Tätlichkeiten gegen das Pflegepersonal und Mitkranke steigerten; auch paranoide Beziehungsideen, vor allem Vergiftungsideen, zeigten sich bei einigen Kranken. Diese psychischen Veränderungen sind als psychogene Reaktion auf die schwere Erkrankung, die Hilflosigkeit, die Internierung anzusehen.
Die ärztliche Leitung des Heimes und die Behandlung der Kranken war stets dem jeweiligen Kreisarzt (Amtsarzt) als Seuchenspezialist übertragen. Die Pflege der Erkrankten wurde von 2 Schwestern des Königsberger Diakonissen-Mutterhauses der Barmherzigkeit besorgt, von denen die eine auch die Leitung und Wirtschaftsführung des Heimes innehatte. An sonstigem Personal gab es eine Köchin, ein Hausmädchen und einen Hausmann. Die letzte leitende Schwester (Emilie Uszkoreit) war von 1907 bis zur Räumung der Stadt Memel von der Zivilbevölkerung im Oktober 1944 und der gleichzeitigen Verlegung der Leprösen in das Königsberger Krankenhaus der Barmherzigkeit, also 37 Jahre lang im Lepraheim tätig. Die zweite Schwester arbeitet seit 1933 im Lepraheim und begleitete die Kranken 1944 in das Krankenhaus nach Königsberg, wo sie die Leprösen währen der Belagerungszeit der Stadt durch die Russen und in der Nachbelagerungszeit pflegte. Beide Schwestern haben ihre oft undankbare Aufgabe der Betreuung der asylierten Kranken mit großer Geduld und in aufopferungsvoller christlicher Nächstenliebe durchgeführt.



1) Pindikowski, Julius
Mittheilung über eine in Deutschland bestehende Lepraendemie.
Dtsch. Med. Wochenschr. 1893; 19: S. 979-980.

2) Blaschko, Alfred
Die Lepra in Deutschland.
Die Leprakonferenz 1897 Berlin, August Hirschwald, S. 195-207.

3) Koch, Robert
Die Lepra-Erkrankungen im Kreise Memel.
Klinisches Jahrbuch VI, 1898.

4) Urbanowicz, Peter
Ursprung und bisheriger Verlauf der Leprakrankheit im Kreise Memel.
Memel - 1899.

5) Das neue Leprakrankenheim bei Memel.
"Illustrirte Zeitung" - Leipzig, 17. August 1899, S. 221 - 222.

6) Kranken- und Rekonvaleszenspflege.
Technisches Gemeindeblatt, 5. November 1899.

7) Schneider, Kurt, Esslingen (Früher Amtsarzt in Memel)
Das Vorkommen der Lepra im Kreise Memel und das deutsche Lepraheim bei Memel 1899 bis 1945.
Der öffentliche Gesundheitsdienst, Heft 12, März 1953.

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