Informatives für den Heimat- und Familienforscher - © 2017

Impressum

Verschiedenes

Adreßbuchsammlung  1858 - 1942

Site-Search

Gästebuch

DE

LT

EN

Försterei

Tauerlauken

Mellneraggen

Sandkrug

Nördliches Memel

Industrie-Gebiet

Neustadt

Altstadt

Schmelz



Das Wappen von Memel

Der Zinnen tragende Wehrturm hat eine Pforte und in den darüber liegenden beiden Stockwerken je ein Fenster. Zwei kleinere Türme flankieren den Hauptturm. Im Gegensatz zu diesem sind sie nicht massiv, sondern bestehen aus einer Balkenkonstruktion. Sie tragen ebenfalls Zinnenkronen. Im unteren Bereich des Wappenschilds liegt ein Schiffsrumpf im Wasser.
Dies ist das Bild des Memeler Stadtwappens, wie man es auch in "Das Buch vom Memelland" von Heinrich A. Kurschat vorfindet. In einer Reihe weiterer Berichte unterscheiden sich die Wappendarstellungen mehr oder weniger; und auch bei der Deutung der Wappensymbole gibt es einige Varianten. Je nachdem, wann und für welchen Zweck das Wappenmotiv gebraucht wurde, etwa auf Siegelmarken, auf dem Memeler Notgeld aus der Inflationszeit, auf Dienstsiegeln oder Dienstmarken des Magistrats, auf Ansichts-Postkarten oder in sonstigen Druckwerken, fallen die grafischen Darstellungen unterschiedlich aus.


Eine Abweichung vom oben gezeigten Wappen ist diesen drei Beispielen gemein: die beiden seitlichen Türme haben kastellartige Unterbauten, die den Zinnenkronen der Türme sehr ähnlich sind.
Unterschiede gibt es auch beim mittleren Turm; mal fehlt das Tor, mal werden die Geschosse durch Zwischenlagen optisch voneinander getrennt und ähnliches mehr.
Der Schiffsrumpf liegt nicht bei allen drei Darstellungen im Wasser, wie im obersten Bild, sondern beim linken Bild gewissermaßen an Land, und manchmal hat der Rumpf auch einen flachen Aufbau, eine Kajüte.


In fast allen Beschreibungen werden die beiden äußeren Türme als 'Baken' bezeichnet. Fragt man nach Erklärungen zu diesen beiden 'Baken', so bekommt man nicht selten solche, die aus persönlichen Vorstellungen oder aus nicht überprüfbaren Informationen resultieren. Die Zinnenkronen der 'Baken', so heißt es zum Beispiel, symbolisierten Flammenschalen, welche für die Leuchtfeuer an der Hafeneinfahrt, also an den Enden der Norder- und der Südermole ständen.
Man kann in der Tat auch auf Wappendarstellungen stoßen, auf denen typische Seebaken rechts und links vom mittleren Turm stehen.

Diese Abbildung findet man beim "Grundriss von der See- und Handelsstadt Memel" des Geometers C.F.L.Klein aus dem Jahr 1856/57. Dort steht zudem geschrieben: "Das der Stadt ertheilte Siegel besteht aus zwei Seebaaken in deren Mitte ein Thurm, unten ein Boot mit der Umschrift in alten Mönchslettern: Sigillium Burgensium de Memela".
Vielleicht darf man annehmen, daß solche Wappenausführungen entstehen konnten, weil zu jener Zeit begrifflich nicht deutlich zwischen Seebaken und Wachtbaken (-türmen) unterschieden wurde. Man verwendete für beide den selben Begriff 'Bake'. Auch auf einer historischen Postkarten wird so z.B. "Blick von der Baake" angegeben, zu sehen ist ein Blick vom Lotsen-Turm auf die Stadt herab.
Auch Johannes Sembritzki meinte, die beiden Seitentürmchen seien 'Schiffsbaaken' und er bezieht sich dabei u.a. auf eine Beschreibung von 1730. Vielleicht hat ihn die Kleinsche Darstellung (s.o.) darin noch bestärkt.

Inzwischen wird ein Siegel als Vorbild für das Memeler Wappen angesehen, welches aus dem 13./14 Jahrhundert stammt.

Von diesem Siegel fand sich ein Exemplar an einer Urkunde vom Jahr 1446 in Staatsarchiv in Lübeck. Es zeigt neben dem zentralen Turm eine mit Sternen belegte mauerartige Befestigung mit Zinnen, die die Basis für die 'Baken' bildet. Vier weitere Sterne sind um die Türme herum angeordnet, stehen gewissermaßen am Firmament. Der Umschrift ist zu entnehmen, daß es das Siegel der Bürger von Memel war >> SIGILLVM BVRGENSIVM DE MEMELA <<. Diese Umschrift ist in Unzialen gehalten. Das deutet darauf hin, daß das Siegel im 13. bis 14. Jahrhundert entstanden sein muß, da diese Schriftart später nicht mehr verwendet wurde.

Die zinnentragende Mauer, auf der die beiden 'Baken' stehen, kann als Sinnbild für die Befestigung der Stadt gesehen werden, ob in Form einer Stadtummauerung oder eines Pallisadenzauns. Der mächtige Turm mit der Pforte, symbolisierte möglicherweise den Zugang zum Bereich der Ordensburg. Die seitlichen Türme werden nach der Meinung von Heinrich Neu*) von Holzkonstruktionen getragene 'Kastelle' gewesen sein, die zu Wacht- und ggf. Verteidigungszwecken dienten. H. Neu gelangte zu dieser Überzeugung, nachdem er auf Einrichtungen aufmerksam wurde, die unseren 'Baken' in verblüffender Weise gleichen. Und zwar befindet sich auf einem Siegel von Danzig aus dem Jahr 1299 eine Kogge, die gleichartige Aufbauten am Bug, am Mast und - besonders markant - am Heck trägt.


Dieses Danziger Siegel zeigt ein voll ausgestattetes Schiff, das im Wasser schwimmt. Beim Siegel der Memeler Bürger aus dem 13./14. Jh. findet man nur einen 'nackten' Schiffsrumpf. Es fehlen sowohl Segel als auch Masten und sonstige Aufbauten. Das Boot hat auch kein Ruder, nicht einmal diesen flachen Aufbau, wie er auf manchen späteren Darstellungen vorhanden ist. Zudem liegt dieses Boot auch nicht im Wasser, was sonst durch eingravierte Wellen dargestellt worden wäre. Dies deutete H. Neu als Hinweis darauf, daß der Siegelstecher oder dessen Auftraggeber möglicherweise zum Ausdruck bringen wollte, daß man in Memel Schiffe baute.
Im Wappen von Memel begegnet einem bis zum Ende des zweiten Weltkriegs das Boot als im Wasser liegend. Damit dürfte die Bedeutung der Stadt als See- und Handelsstadt hervorgehoben worden sein.
Im Vergleich zu dem Siegel aus dem 13./14. Jahrhundert, bei dem die Sterne am Firmament einen Bezug Memels zur Seefahrt hergestellt haben dürften (Navigation anhand des Sternenstands), fehlten diese Sterne im Memeler Wappen.
Das 1992 offiziell wieder eingeführte Wappen der Stadt Klaipėda trägt nun diese Himmelssterne nach dem Vorbild des uralten Siegels, und der Nachen liegt wieder sozusagen an Land.


*)Heinrich Neu, Das Wappen von Memel, Entstehung und Geschichte eines ostdeutschen Wappenbildes. Bonn 1958